Ausstattungs- oder Eigenschaftsvarianten – warum ist das nicht nur für das ERP-System, sondern auch für Maschinen wichtig? Und warum spielt das Thema auch für das Überleben unserer Industriestandorte eine Rolle?
Jedes System kann heute Varianten. Möchte man meinen, denn jeder Software- oder Maschinenhersteller wird das umgehend bestätigen. So einfach ist es jedoch nicht. Was genau ist der Unterschied zwischen Varianten und Varianten, wo liegen die Schwierigkeiten in der Umsetzung?
Vielen dieser Firmen ist nicht bewusst, dass es zwei sehr grundlegende Typen von Varianten gibt. Sie beziehen sich in der Regel auf Ausstattungsvarianten: ein Fahrzeug, eine Maschine oder auch eine Dienstleistung kann ich in einer variablen Ausstattungskonfiguration bestellen. Mit oder ohne Allrad, mit verschiedenen Antrieben, Ein- und Ausgängen, mit diversen Zusatzmodulen oder Leistungen.

Ausstattungsvarianten
Solche Auswahlmöglichkeiten schaffen zwar auch komplexe Abhängigkeiten quer durch das Produkt: die Wahl eines Allrad-Antriebes hat Auswirkungen auf den gesamten Antriebsstrang bis hin zu den Karosserieblechen, Ein- und Ausgänge an Maschinen bewirken Veränderungen bis hinunter auf die Steuerung. Nur: so komplex Ausstattungsvarianten erscheinen, sie sind durchaus umfangreich, im Grunde jedoch relativ simpel: wenn – dann, ja – nein, allenfalls noch Berechnungen zur Ermittlung der korrekten Folge-Komponenten. Die daraus folgende Komplexität ist eine der Tiefe des Entscheidungsbaums, der Breite der Abhängigkeiten und der Komplexität der Berechnung, das Ergebnis sind aber immer ein-eindeutige Komponenten, die sich im Artikelstamm ebenso ein-eindeutig abbilden lassen.
Eigenschaftsvarianten
Eigenschaftsvarianten besitzen neben den Ausstattungsvarianten zusätzlich variable Komponenten: übertragen auf das Auto könnte ich also nicht nur entscheiden, ob ich mit oder ohne Allrad-Antrieb bestellen will, sondern auch, ob ich spezifisch für meinen Auftrag den Fahrgastraum um z.B. 47 cm verlängern möchte (was zu Massänderungen aller abhängigen Komponenten führen würde) oder die rechte Hintertür um 1/3 kürzen möchte (was nicht nur die vordere Tür, sondern auch von der Holmposition über die Schweller und das Dach bis zur Tür selbst einiges ändert). Was beim Auto abenteuerlich klingt, das ist im Metall-, im Fassaden- oder Anlagenbau Tagesgeschäft. Vor allem dann, wenn man sich als Unternehmen nicht auf Einzelstücke spezialisiert (ETO, Engineered to Order, oder CTO, Constructed to Order), sondern konfigurierbare Massenprodukte anbietet, also industrielle Kunden-Einzelfertigung, Massenfertigung in Losgrösse 1. Das betrifft viele Branchen vor allem im Bau: Fenster- und Treppenbauer, Sonnenschutz- oder Briefkastenanlagen, aber auch industrielle Produkte wie Lager- und Transportsysteme.
Problematisch ist die Variabilität nicht nur für den Konfigurator, sondern oft schon für das ERP-System: Bleche, Profile oder auch Stoffe und Glas sind keine unveränderlichen, ein-eindeutigen Komponenten: Der Artikel «Profil» oder «Glas» legt zwar fest, um welchen Typ Profil der Glas es sich handelt, die Eigenschaften beschreibt er jedoch nur im «Liefer-Zustand». Profile werden jedoch gesägt, es bleiben Restlängen übrig, die noch genutzt werden könnten. Um solche Profil-Restlängen im Rahmen der regulären Materialverfügbarkeitsprüfung für eine Zuschnittsoptimierung verwalten zu können, sollte der Artikel «Profil» mit der Mengeneinheit Stück UND einer Länge verwaltet werden können. Alleine daran scheitern viele Standard-ERPs, da eine abweichende Länge (also z.B. die eines Reststücks) die Verwendung einer anderen Artikelnummer erfordert. Damit ist für eine Zuschnittsoptimierung aber nicht mehr erkennbar, dass es sich um denselben Profilquerschnitt handelt, nur in einer abweichenden Länge. Und damit ist eine automatische Ermittlung der Optimierungsbasis (Lagerprofile UND Restlängen) nicht ohne den Umweg über ein weiteres Kennzeichen zum Profilquerschnitt möglich. Dazu müssen die Restlängen verwaltet werden: wenn das Lagersystem keine Längenvarianten kennt, wird bereits die einfache Lagerhaltung zum Abenteuer. Bei Blechen wird das Problem zweidimensional (Länge und Breite), bei Holz auch dreidimensional (Länge, Breite, Tiefe).

Branchenspezifische Systeme
Für Unternehmen, die in der industriellen Kundeneinzelfertigung daheim sind, ist das klar: sie kennen nichts anderes. Für Lieferanten jedoch, vor allem im Bereich der Produktkonfiguratoren, ERP- und MES-Systeme, aber auch der Maschinen, ist es oft absolutes Neuland.
Für grössere Branchen wie den Fenster- und Fassadenbau, aber auch für Treppenhersteller oder Küchenbauer, gibt es Branchensoftware: oft sind die Daten der Rohmateriallieferanten schon hinterlegt, die Abhängigkeiten, Verbindungselemente, Zubehör bereits abgebildet. Der Vertrieb oder die Technik erfasst das Produkt im Dialog mit den Massen und Ausführungswünschen des Kunden. Stücklisten, Arbeitspläne, Kosten – all das wird nach dem hinterlegten Regelwerk automatisch erzeugt.
Das liest sich einfach, die Lösung scheint «pfannenfertig». Die Schwierigkeit liegt im Detail: kaum ein Unternehmen bewegt sich ausschliesslich im reinen Systembereich des Lieferanten. Ob es Anschlüsse, Übergänge, Durchbrüche, Blechverkleidungen im Fenster sind, der Einsatz kundenspezifischer Einbauten oder bauseits geliefertes Material: selten deckt eine Branchensoftware den gesamten Alltag ab.
Wirkliche Effizienzgewinne setzen jedoch genau eines voraus: die vollständige Abbildung des Gesamtprozesses.
Massen-Einzelfertiger ohne Branchenlösung
Es gibt ausserhalb dieser Branchen aber auch Unternehmen, die ähnlich eigenschaftsvariable Produkte herstellen, für die es jedoch keine produktspezifische Branchensoftware am Markt gibt: Hersteller von Briefkastenanlagen, von Beschattungssystemen, von Lager- und Transporttechnik und ähnlichen Produkten.
Der Schwerpunkt der Lösung liegt hier vor allem im Produktkonfigurator: reine Standardprodukte kommen billig aus dem Ausland. Vollständig manuelle Konfiguration erlaubt kundenspezifische Lösungen, ist aber teuer und oft auch fehleranfällig, da zu sehr vom Wissen einzelner Mitarbeiter abhängig.
Mit einem Online-Konfigurator erreicht man nicht nur den Kunden direkt, produkt- und firmenspezifische Regelwerke stellen auch die Qualität und Reproduzierbarkeit sowohl nach aussen wie auch für die eigene Fertigung sicher. Details zur Konfiguration folgen in einem spezifischen Artikel.
Flexibilität?
Oft bekomme ich zu hören, dass man gar nicht alles konfigurieren, vorherbestimmen könne. Das ist korrekt, und es ist auch wichtig: alles, was wir vollautomatisiert in einen Konfigurator packen können, das könnte jede andere Firma auch. Zudem ist gerade in den Randbereichen des eigenen Produktes Flexibilität erforderlich, die eben NICHT vollständig konfiguriert werden kann: Anschlüsse, Integration in bestehende Systeme, Retrofit.
Natürlich kann nicht alles vollständig konfiguriert werden. Aber: gute Konfiguratoren nutzen Templates, Vorlagen für individuelle Lösungen. Denn auch wenn solche Fälle nicht vollständig automatisiert werden können, so kann zumindest sichergestellt werden, dass keine der notwendigen Komponenten, Dienstleistungen, Einkäufe, Produktionsschritte, Zeiten und Termine vergessen oder übersehen wird. Und dass eine Vorlage die projektspezifische Erfassung aller notwendigen Details unterstützt, und, der wichtigste Punkt, dass die Daten, die Materialien und Leistungen vollständig im System und damit im Prozess erfasst, den richtigen Arbeitsplätzen und Kostenstellen zugeordnet sind, die richtigen Aktionen auslösen.

Maschinen
Was hat die Maschine mit dem Variantenproblem zu tun? Manchmal sehr viel: ich durfte ein Projekt eines Blechbearbeiters begleiten, bei dem weder der Lieferant eines neuen Stanzautomaten noch der Kunde eine Lücke in der Kommunikation bemerkten: Für den Lieferanten war vollkommen klar, dass er die Stanzdaten als dxf-Datei geliefert bekäme, die einzelnen Elemente der Stanzungen hinterlegt seien und daher nur in der entsprechenden Kombination abgerufen werden müssten, mit einem festen und immer gleichen Bezugspunkt.
Für den Kunden war genauso klar, dass zwar die einzelnen Stanzbilder definierbar sind, genauso wie der Bezugspunkt der einzelnen Stanzung, das gesamte Stanzbild, die Position und Kombination der einzelnen Elemente jedoch vollkommen frei definiert werden, der letztendliche Auftrag immer das Ergebnis einer kundenspezifischen CAD-Konfiguration ist. Dass die hierbei erzeugte dxf-Datei und die, die sich der Lieferant vorstellte, grundlegende Unterschiede aufweisen mussten, ist niemandem aufgefallen.
Beide Parteien merkten in 6 Monaten Vorbereitung nicht, dass sie von vollkommen anderen Ausgangsbedingungen redeten. Beiden Seiten war der wesentliche Unterschied nicht aufgefallen: der Maschinenlieferant war von «ausstattungsvariabel», d.h. variabel, aber definiert, ausgegangen, während der Metallbauer «eigenschaftsvariabel» für gegeben hielt. Erst als man mich dazu holte, um die finalen Parameter und die Integration in die Auftragsabwicklung umzusetzen, konnte das Missverständnis festgestellt und geklärt werden.
Wir konnten das Problem letzten Endes über eine variable Stanzkonfiguration lösen: die einzelnen Stanz-Elemente wurden hinterlegt, die Positionen auftragsspezifisch während er CAD-Konfiguration für das Kundenprojekt ermittelt, zum Schluss mit den fertigen Stanzbildern kombiniert und als Auftragsdatei an die Maschine geschickt. Die Abwicklung wurde vollständig automatisiert, die dxf-Daten wurden dynamisch erzeugt, nicht fest hinterlegt, und das Projekt konnte als wirtschaftlicher wie technischer Erfolg für beide Seiten abgeschlossen werden. Schmerzhaft waren lediglich mehrere Monate Verzögerung, weil die Integration der Maschinendaten-Ermittlung in den Produktkonfigurator zusätzliche Zeit erforderte, und natürlich die damit verbundenen Mehrkosten.
Zukunft
Der Industriestandort Europa befindet sich in der Krise. Produktionen, die bei uns schliessen, Produkte, die immer häufiger aus Fernost kommen. China ist nicht mehr (nur) Markt: China ist Konkurrent. Und genau diese Tatsache ist für jedes Unternehmen, das in Europa produziert, auch im Hinblick auf die Fähigkeit wichtig, wie gut man mit Varianten umgehen kann.
Je einfacher ein Produkt ist, oder je grösser die Stückzahlen, je kleiner die Varianz ist, umso austauschbarer ist es, umso einfacher kann die Produktion nach Asien verschoben werden.
«Masse» ist in Europa schwierig. Wir sind zu teuer, zu hoch reguliert, als dass wir bei reinen Volumenprodukten einen Blumentopf gewinnen könnten.
Was wir aber nach wie vor können, das sind die Speziallösungen. Speziell, was das erforderliche Wissen und die Erfahrung betrifft, speziell aber auch, wo es um Kundennähe, um Individualisierung geht, um die Möglichkeit, eine hohe Varianz in kleinen Stückzahlen mit hoher Automatisierung zu fertigen. Einzelstücke, kleine Serien, eine hohe Anpassungfähigkeit bei planbaren Kosten: wer das in industriellem Massstab in Europa liefern will, der kommt um das Thema Variantenfertigung nicht herum. Und der sollte sich auch überlegen, dass Eigenschaftsvarianten gegenüber reinen Ausstattungsvarianten zwar höhere Anforderungen an die Automatisierung stellen, gleichzeitig aber ein Alleinstellungsmerkmal bilden, das nicht so einfach zu kopieren ist.
Holger Wahl / 05.08.2026

